Brief des Club of Life an alle deutschen
Abgeordneten des Europäischen Parlamentes

17.10.2001

Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,

als verantwortliche Repräsentanten der Bundesrepublik Deutschland bitten wir Sie anläßlich der anstehenden Diskussion um die Vergabe von Forschungsgeldern im Rahmen des VI. Forschungsrahmenprogrammes der EU, eindeutig gegen Forschungsförderung zu votieren, die

  1. Eingriffe in die menschliche Keimbahn,
  2. jedwede verbrauchende Forschung an und mit menschlichen Embryonen,
  3. Klonierungstechniken derselben - ob "therapeutisch" oder reproduktiv -
beinhalten würde.

Dies umfaßt selbstverständlich auch bereits existierende embryonale Stammzellen oder die sogenannten überzähligen " Embryonen", die statt dessen in Adoptionen vermittelt werden sollten.

I.

Medizinischer Fortschritt muß die Menschenwürde achten und darf nicht im Gewande eines modernern Kannibalismus verkleidet daherkommen. Wie anders kann man eine Forschungspraxis bezeichnen, die menschliche Embryonen als eine Art Ersatzteillager für andere herstellt und verbraucht? Dies ist unzweifelhaft eine Form der Instrumentalisierung menschlichen Lebens, die weder das deutsche Grundgesetz noch der Geist des Embryonenschutzgesetzes erlaubt.

Ich weiß aus vielen Diskussionen mit betroffenen schwerkranken Menschen im Lande, dass die in den letzten Monaten oft angegebene offizielle Begründung für eine Förderung der embryonalen Stammzellforschung: "Wir wollen den vielen Menschen mit schweren Erkrankungen doch nur helfen" - von vielen ganz und gar nicht als Unterstützung, sondern im Gegenteil als Zumutung und Beleidigung ihres Menschseins zurückgewiesen wird. Diese Menschen wissen gerade aufgrund ihrer vielfältigen aktuellen Lebensschwierigkeiten und einer zunehmend behindertenfeindlichen Einstellung viel besser um den Wert ihres eigenen und fremden Lebens, als dass sie dieses für sich oder andere instrumentalisiert wissen möchten.

Zudem: schon bei einigem Nachdenken ist ersichtlich, dass die Legalisierung embryonaler Stammzellforschung weitgehende Änderungen unseres Rechtsempfindens und der Rechtsauslegung - und in letzter Konsequenz auch die Zerstörung jeglichen Rechtsstaates nach sich zöge. Am Anfang jeden menschlichen Lebens steht die Verschmelzung einer Eizelle mit einer Samenzelle - dies ist kein religiöses Dogma, sondern eine schlichte biologische Tatsache. Sofern dies in Frage gestellt und angenommen wird, dass es so etwas wie abgestufte Schutzstadien menschlicher Existenz geben könne, gibt es keinen Grund, warum sich diese "nur" auf den vorgeburtlichen Bereich beschränken würden. Angesichts der gegenwärtigen bioethischen Debatte, die eine Verleihung des Prädikats "Mensch" an das Vorliegen bewußtseinsrelevanter Funktionen koppelt und den Utilitarismus zur Staatsräson erheben will, könnten z. B. als nächster Schritt sehr schnell komatöse Patienten ins Fadenkreuz derjenigen rücken, die schon heute das "Ausschlachten sinnloser Existenzen" zum Wohle und "therapeutischen Nutzen" für andere für sinnvoll halten.

II.

Natürlich gibt es viele kranke Menschen, die so verzweifelt sind, dass sie selbst eine Kannibalisierung fremden Lebens begrüßen, sofern es ihnen nur hilft. Doch zeugt dies neben einem verständlichen, aber unakzeptablen krankheitszentrierten Denken in aller Regel von etwas ganz anderem. Ähnlich wie die Bitte nach der "erlösenden Spritze" ist es vor allem ein beredtes Zeugnis davon, daß diese Menschen in ihrer Not alleine gelassen wurden.

Kranke und behinderte Menschen wurden tendenziell schon immer als "Kostenfaktor" wahrgenommen - in Krisenzeiten erwächst aus dieser Tendenz schnell handfeste Politik. Heute, wo sich die Weltwirtschaft kurz vor einem umfassenden Zusammenbruch befindet, ist diese Gefahr enorm groß. Der Abbau unseres Gesundheitswesens, die Pflegeskandale, die Verweigerung altbewährter und neuer - selbst lebenswichtiger Therapien und Medikamente -, bis hin zu der unverblümten und eskalierenden Euthanasiediskussion und Bioethikdiskussion sind Prädikate dieser Entwicklung.

Gerade vor diesem Hintergrund werden die zahlreichen und vielfältigen Beteuerungen von Regierungsseite, dass die Förderung embryonaler Stammzellforschung der tiefen Sorge um die kranken Menschen entspringe, von den Betroffenen zunehmend als blanker Hohn empfunden. Wer einerseits für jedes Krankengymnastikrezept, jedes Hilfsmittel und jedes teurere Medikament einen kräftezehrenden Spießrutenlauf mit ungewissem Ausgang in Kauf nehmen muß, ist berechtigterweise empört, wenn er andererseits ungebeten und ungefragt für die Propagierung solch einer Forschung eingespannt wird.

Dabei muß doch offenbar niemand auf den Tag X warten, um wirksame Hilfe leisten zu können, so er dies wirklich will. Diese kann unmittelbar darin bestehen, dass "schwerkranken" Patientengruppen, die bereits vorhandenen Hilfs- und Heilmittel in Zukunft problemlos gewährt werden und ethisch vertretbare und bereits existierende Formen des medizinischen Fortschritts den Patienten nicht (wie es derzeit leider oftmals geschieht) aus Kostengründen vorenthalten werden.

III.

Hilfe muß weiterhin mittel- bis langfristig in einer Forschungsintensivierung der ethisch unbedenklichen adulten Stammzellforschung bestehen, vor allem aber in einer Forschungsförderung, in der es darum geht, Leben und lebende Prozesse erst einmal wirklich zu verstehen. Leider sind heute Ausbildung, Gelder, Interessen und Forschungsmacht in einem Maße auf die Molekulargenetik fixiert und an sie gebunden, daß die erforderliche Grundlagenforschung in anderen, vielversprechenden Bereichen der Lebenswissenschaften kaum mehr stattfindet - ein Umstand, der in jedem Fall bei Ihren Beratungen diskutiert werden sollte.

IV.

Des weiteren bitten wir Sie, sich für eine Beleuchtung des geschichtlichen und politischen Hintergrundes besagter von uns kritisierter Techniken einzusetzen. Schaut man nämlich genau hin, so finden sich nicht nur genügend wissenschaftliche Anhaltspunkte für die Tatsache, daß diese nichts mit wirklicher Forschung, Heilung sowie seriösen und begründbaren Therapieversprechen zu tun haben.

Mehr noch finden sich schlagende Beweise für die Tatsache, daß diese auf dem Nährboden eines zutiefst menschenverachtenden und eugenischen Gedankengutes und einer entsprechenden "Forschungstradition" entstanden sind, dessen Ziel keineswegs darin besteht, dem Gros der Menschheit zu einem längeren und gesünderen Leben zu verhelfen. Im Gegenteil. Schon ein oberflächlicher Blick in die Fülle der für jedermann verfügbaren programmatischen Schriften - verstorbener wie lebender - führender Genetiker, Molekularbiologen und Reproduktionsmediziner offenbart ein erschreckendes Welt- und Menschenbild, in dem es hauptsächlich darum geht, Kontrolle über die Anzahl und die "genetische Verbesserung" und Selektion des Menschen zu erlangen.

In der heutigen internationalen Fachwelt diskutiert man diese Ziele ähnlich offen und ungeniert wie schon zwei ihrer zentralen geistigen Mentoren Aldous and Julian Huxley vor ihnen.

Während Aldous Huxley in dem 1959 erschienenen Buch "Brave New World Revisited" Eugenik propagierte, sich über die größeren Menschenmengen "biologisch minderwertiger" Menschen beklagte, die "dank sanitärer Anlagen, moderner Heilmittelkunde und sozialem Gewissen" zur Reife gelangten und ihre Art vermehren, bezeichnet Julian (1946 Generalsekretär und 1948 Direktor der UNESCO) in der Sammlung "Ich sehe den zukünftigen Menschen" Bevölkerungskontrolle als "unerläßliche Voraussetzung" für "eine qualitative Verbesserung in psychosozialer wie in genetischer Hinsicht". Für ihn war weiter eine "Verhinderung der Ausbreitung und besonders der Zunahme von schädlichen oder unerwünschten menschlichen Genen und Genkombinationen" wünschens- , das Überleben von "genetisch mangelhaften Individuen durch die Fortschritte der Medizin, der öffentlichen Gesundheitsfürsorge und der sozialen Fürsorge" dagegen beklagenswert. Eugenik müsse "danach streben, dem Auftreten und den Auswirkungen jeder Art von genetischem Defekt entgegenzusteuern." Gleichzeitig solle im Rahmen einer "positiven Eugenik" aktiv (z. B. durch "eugenische Besamung durch sorgfältig ausgewählte Spender" an einer "Höherentwicklung menschlicher Fähigkeiten und Leistungen" gearbeitet werden.

Nur in diesem Zusammenhang ist auch die wirkliche Bedeutung der sogenannten Reproduktionsmedizin zu verstehen. Der prominente Princetoner Molekularbiologe Lee Silver beschrieb auf einem Kongress in Los Angeles im Sommer 1998 die Rolle der künstlichen Befruchtung im Reagenzglas folgendermassen: "Mit der In-Vitro-Fertilisation gelangt der Embryo aus dem Dunkel des Mutterleibs an das Tageslicht. Und damit bietet die IVF Zugang zu dem darin befindlichen Erbmaterial. Erst durch die Fähigkeit, das Erbmaterial des Embryos zu lesen, zu ändern und zu ergänzen, wird das ganze Gewicht der IVF spürbar werden."

Und Robert G. Edwards, einer der Pioniere der künstlichen Befruchtung im Reagenzglas, bekannte immer und überall ungeniert, dass es vorrangig gar nicht darum ginge, Eltern zu Nachwuchs zu verhelfen, wenngleich die Betonung dieses "therapeutischen Aspektes" (man beachte die immer wieder übereinstimmende taktische Vorgehensweise und Wortwahl) der Reproduktionsmedizin überhaupt erst zu öffentlicher Anerkennung verhalf. Nach Edwards eigenen Worten ging es dabei vielmehr um die Embryonenforschung und um das Aussortieren kranker Embryonen. Auf einem Kongress des Zentrums für Biomedizinische Ethik der Uni Tübingen bekräftige Edwards noch 1997, dass er dieses "Potential" künftig mit Hilfe von Gentechnik und Präimplantationsdiagnostik ausgeschöpft sehen möchte. Und er scheute sich gleichfalls nicht, von der "Pflicht" zur Verhinderung "nicht normgerechten Nachwuchses" zu sprechen.

Um abschließend den aktuellen Bezug zu unterstreichen: Für eine gentechnische Verbesserung in großem Maßstab ist es natürlich attraktiver, wenn diese nicht immer wieder umständlich aufs neue begonnen werden muß, sondern sich praktisch von selbst vervielfältigt. Und hierfür sind sowohl die Keimbahnmanipulation als auch das Klonieren (beides auch in Kombination) eine geeignete Ausgangsposition. Die Idee dabei ist offenbar, jenseits aller Schutzbehauptungen vom "therapeutischen Nutzen" langfristig auf die Qualität der entweder im Klonexperiment oder bei der künstlichen Befruchtung gewonnenen embryonalen Stammzellen Einfluss zu nehmen. Dies könnte über eine gentechnische Veränderung der Erbanlagen (die sog. Keimbahnmanipulation) erfolgen, die ja bekanntlich bewirkt, daß jede weitere sich daraus entwickelnde Embryonalzelle dieselbe Veränderung in sich trägt. Um sich diese Techniken anzueignen, muß zuvor an embryonalen Stammzellen - geklonten wie ungeklonten - geübt werden, und hier stößt man bekanntlich derzeit noch auf Restriktionen.

Wie bei den Gebrüdern Huxley haben wir es auch heute wieder mit der Propagierung einer Doppelstrategie zu tun: einer Mischung von, wie sie es nannten, "positiver" und "negativer" Eugenik. Einerseits wird im Rahmen von Forderungen nach einer Legalisierung der Präimplantationsdiagnostik und einer systematischen Selektion kranker Ungeborener bereits weitgehend der Vorgabe entsprochen, "nicht normgerechten Nachwuchs" zu verhindern. Und andererseits wird unter dem Deckmäntelchen des angeblichen "therapeutischen Nutzens" der embryonalen Stammzellforschung und des Klonierens von Menschen einer ganz anderen Art von "Fortschritt" der Weg gebahnt: Menschen in ihren frühen Entwicklungsstadien irgendwann gentechnisch wunschgemäß zu verändern.

Vieles ließe sich hier zum Hintergrund des politischen und geschichtlichen Hintergrundes anführen; aus Platzgründen ist dies natürlich hier nicht möglich. Wir möchten Ihnen aber diesbezüglich gerne noch folgende Analysen empfehlen, die auf unserer Homepage www.club-of-life.de im Internet einzusehen sind:

Für Rückfragen stehen wir gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Der Bundesvorstand des Club of Life e.V.