Aus der Neuen Solidarität Nr. 49 vom 7.12.1994:

Komapatienten und die Ehrfurcht vor dem Leben


Die Lage der Komapatienten
Das Wachkoma

Das Therapiezentrum Burgau

Im Bundesgebiet erleiden jährlich etwa 50000 Menschen schwere und schwerste Kopfverletzungen und werden nach der Akutbehandlung auf der Intensivstation meist in überforderten Alten- und Pflegeheimen, Psychiatrien oder bei völlig überforderten Angehörigen untergebracht. Bei einem Stand von nur 250 Betten zur unmittelbaren Weiterrehabilitation von Komapatienten im Bundesgebiet 1993 kann man sich ausrechnen, daß nur ein Bruchteil der Betroffenen eine wirkliche Chance auf völlige Genesung haben.

Es ist kein Zufall, daß diese Patientengruppe auch in anderen Ländern, wo die Euthanasiepraxis auf dem Vormarsch ist, einen schweren Stand hat. Es sind nicht nur die hohen Behandlungskosten, sondern die absolute Wehrlosigkeit der Patienten sowie die Länge der Behandlung und der nicht vorhersehbare Ausgang der Erkrankung, die sie für diesen Zweck so attraktiv machen. Schon heute sind Schädel-Hirn-Patienten und Komapatienten die am meisten benachteiligte Patientengruppe Deutschlands.

Diese Patienten im Koma gar als "Gehirntote" ohne Heilungschancen zu bezeichnen, ist, wie wir sehen werden, nicht nur unmenschlich, sondern einfach nicht mehr neuester Wissensstand. Erst nach Ablauf einer sehr behandlungsintensiven Therapie, die viele Wochen, Monate oder Jahre betragen kann, zeichnet sich ab, ob ein Patient in diesem Zustand verbleibt. Immerhin können heute mit speziellen Therapien ein Viertel aller Komapatienten wieder ins Berufsleben eingegliedert und ein weiteres Drittel nach oft erheblichen Verbesserungen in der Familie weiterbetreut werden.

Dr. med. Andreas Zieger, Oberarzt der neurochirurgischen Klinik des Nordwest-Krankenhauses Sanderbusch in Sande und Lehrbeauftragter für Neurowissenschaft an der Universität Oldenburg, faßt zusammen, was bei der Behandlung von Komapatienten am wichtigsten ist: "Nur durch das liebevolle soziale Wirken anderer Menschen können Hirnverletzte ihr Bewußtsein wiedererlangen." Und er fügt hinzu, daß die Begegnung mit Menschen im Koma dem Leben einen neuen, tieferen Sinn verleihe.

In der Zeitschrift Not des Selbsthilfe Verbandes "Schädel-Hirnpatienten in Not" meldete sich Zieger bereits Anfang 1993 mit scharfer Kritik an den gesundheitspolitischen und moralischen Mißständen in unserem Land zu Wort. Er beklagte die Sparpläne von Bundesgesundheitsminister Seehofer, da jede vorenthaltene Unterstützung, jede zurückgehaltene Mark konkret den Tod von Menschen im Koma und apallischen Syndrom (Wachkoma) bedeuten könne. In seinem Artikel "Dialogaufbau in der Frühphase der Rehabilitation mit Patienten auf der Intensivstation" bezeichnet Zieger den Versorgungsnotstand bei Komapatienten als einen sozialen Skandal, der ein beschämendes Licht auf die ethische Verfassung unserer Gesellschaft werfe, obwohl diese doch eigentlich gewarnt sein müßte.

"Der Verfall des Humanum, der im Nationalsozialismus mit der Formel vom behinderten und psychisch Kranken als "wertlose Hülsen" zur gnadenlosen Ermordung führte, breitet sich in Form der ,Neuen Euthanasie'-Bewegung, die auch das schutzlose, zarte und zerbrechliche Leben der Kinder im Koma und apallischen Syndrom der aktiven Tötung preisgeben will, nicht zufällig heute aus reinen Nützlichkeitserscheinungen wieder aus", so Dr. Zieger, der sich auch darüber empört, daß die Wertschätzung des Menschseins auf bloße Leistungskategorien zurechtgestutzt und gleichzeitig schwerstbehinderte Menschen als "Ballastexistenzen" oder "Nullitäten" diskriminiert werden. Kein Mensch habe das Recht, das Leben eines anderen Menschen für "sinnlos und letztlich nicht schützenswert" zu deklarieren. Für ihn jedoch habe die "tätige Ethik" der Nächstenliebe ihre Quellen in der "Ehrfurcht vor allem Leben".

Es ist in diesem Zusammenhang von Interesse, sich die Bedeutungswandlung des Wortes "Mitleid" anzuschauen. Das Grimmsche Wörterbuch gibt Aufschluß darüber, daß "Mitleid" früher nur als Tätigkeitswort "mit-leiden" gebraucht wurde, im Sinne von ein Leiden tätig begleiten und teilen. Erst im 20. Jahrhundert erfuhr dieses Wort die Wandlung zum Hauptwort, das ein Gefühl gegenüber einem anderen Leidenden anzeigt, weil man das "Mit-Sein" mit ihm nicht länger ertragen kann. Aus Mit-Leiden ist längst Selbstmitleid geworden, das sich, wie in der Euthanasiedebatte sichtbar, immer aggressiver gegen Kranke und Behinderte wendet. In einer Gesellschaft, in der die persönliche Glücksmaximierung zum einzigen Lebensinhalt weiter Bevölkerungsteile geworden ist, ist die bloße Existenz schwerstgeschädigter Menschen für einige eine unerträgliche Provokation. Dies nicht zuletzt deshalb, weil Tod und Krankheit eine Erinnerung an die eigene Sterblichkeit sind, der man ja nach Möglichkeit ausweichen möchte.

Die Lage der Komapatienten

Um zu verstehen, wie Komapatienten zu helfen ist, muß man ihre Situation verstehen lernen. An dieser Stelle kann uns ein Fachmann wie Dr. Zieger mit seinen unorthodoxen, aber sicherlich der Wahrheit am nächsten kommenden Überlegungen und Beobachtungen weiterhelfen. Er schildert das Entstehen von komatösen Zuständen nach Unfällen:

"Durch den Unfall, die traumatische Energie und das lähmende Entsetzen unmittelbar vor dem Aufprall wird ein Mensch plötzlich aus seinen gesamtem persönlichen und sozialen Lebensbezügen gerissen. Ein Überleben ist nur durch direkte und schnelle Hilfe anderer Menschen möglich. Nach der Primärversorgung kommen die Verletzten auf die Intensivstation, wo sie zwar rundherum medizinisch versorgt werden, psychisch aber in einer für sie total fremden Umgebung isoliert sind... Zu dieser äußeren Isolation kommt die Hirnverletzung als schwere innere, isolative Bedingung hinzu. Sämtliche vom Gehirn gesteuerten Lebenstätigkeiten und Funktionssysteme, die eine bewußte menschliche Lebenstätigkeit ausmachen, zerfallen durch innere Zerreißungen und Quetschungen. Ein Zusammenwirken der einzelnen funktionellen Systeme, die isoliert arbeiten, ist nicht möglich; das Ganze, das Bewußtsein, kann nicht entstehen.

Wir haben die Neurospastizität nicht als ,Verkabelung', sondern als das Resultat dynamischer neuronaler Systeme zu verstehen, die unter schädigenden Bedingungen blockiert und nicht einfach ausgefallen sind... Rein medizinisch ist das Koma definiert als ,komplette Nichtansprechbarkeit' oder ,Reaktionslosigkeit', z.B. auf Schmerzreize. Dieser Zustand besteht als Kern des Komas eigentlich nur im allertiefsten Koma an der Schwelle zum Tod, bei einem Punktwert 3 auf der ,Glasgow-Koma-Skala'. Alle anderen Punktwerte beruhen nämlich bereits auf mehr oder weniger erkennbaren Reaktionen und Eigentätigkeiten und deuten damit auf die Auflösung des Komas und auf die Wiederentfaltung der Lebenstätigkeit hin."

Zieger vertritt hier eine sehr bemerkenswerte Sichtweise von der Funktion des Gehirns, wenn er die Theorie zurückweist, das Gehirn funktioniere aufgrund von "Verkabelungen", und stattdessen von "dynamischen Systemen" spricht. Es ist deshalb revolutionär, wenn er vorschlägt, das Koma "als einen dynamischen Prozeß der Zurücknahme eines Menschen auf sichere, autonome und bewußtseinsferne Kernzonen seines... Selbst, und zwar durch mosaikartigen Zerfall mit teilweiser Auflösung der Randzone und unter Preisgabe entwickelter Funktionen und Kompetenzen" zu verstehen.

Und weiter: "Koma hat eine Schutzfunktion wie ein tiefer, beharrlicher Schlaf und ist somit eine sinnvolle Lebensmöglichkeit..." Mit anderen Worten, vor der Gewalt eines vernichtenden Schlages "flieht" der Komapatient in sein Inneres, ein Vorgang, der für Zieger ein "extremer Möglichkeitsraum sinnvollen Seins" ist, in dem sich ein traumatisch erschütterter Mensch auf elementaren Ebenen stabilisieren, bewegen und weiterentwickeln kann. "Wir wissen heute", so Zieger, "daß, solange ein Mensch lebt, er durch Wahrnehmungen und Bewegungen mit seiner Umwelt verbunden ist. Ein Mensch im Koma hat eine konkrete Lebensgeschichte, einen eigenen Namen und eine einzigartige Persönlichkeit. Ein bewußtloser Mensch verfügt über Sensibilität und Empfindsamkeit, er hat elementare Wahrnehmungen... Auch im Koma bewahrt jeder Mensch Ausdrucksmittel seiner Individualität."

Es leuchtet ein, daß bei dieser Sicht der Dinge Komapatienten nicht mehr als "leere Hülsen", oder was es dergleichen weitere unsinnige Bezeichnungen gibt, betrachtet werden können. Damit ist diese Herangehensweise sowohl Grundlage als auch Bedingung für einen menschenwürdigen Umgang mit Komapatienten, wie auch für einen erfolgreichen "Dialog" zwischen Arzt und Komapatient. Aber dies ist noch nicht alles. Denn in diesem "Dialog", der noch ausführlich beschrieben wird, beziehen sich Arzt und Patient auf "das gemeinsame Dritte, das Menschsein", wie Zieger schreibt. Ein Arzt-Patienten-Kontakt, der auf dieser beiden gemeinsamen Ebene stattfindet, verbannt endgültig jegliche Lebensrechts- und Nützlichkeitsdiskussion, unabhängig davon, wie elend und hoffnungslos der Zustand des Patienten auch sein mag.

Wie eine erfolgreiche Behandlung bzw. der "Dialog" aussehen sollte, beschreibt Zieger folgendermaßen:

"Der erste entscheidende Schritt zur Überwindung dieser inneren und äußeren Isolation ist die spürbare Anwesenheit und tätige Hilfe eines anderen Menschen, der z.B. aus der Pflegetätigkeit heraus eine Kommunikation ermöglicht und durch sein Einfühlungsvermögen und attraktives Wirken das soziale Zeichen der Nächstenliebe und Hoffnung gibt." Zuerst wird gezielt nach diskreten Regungen und "Antworten" des Patienten gefahndet. So kann etwa das Ansprechen und Streicheln des Therapeuten zunächst von vegetativen Äußerungen und einfachen Bewegungen des Patienten beantwortet werden. Durch Wiederholung und Verstärkung entwickeln sich - wenn sich das Vertrauen zum anderen Menschen stabilisiert hat - dann differenziertere Antworten und Verhaltensmuster. Gleichzeitig kommt es zu einer allgemeinen Zunahme der körperlichen und geistigen Beweglichkeit und Schnelligkeit. Jedes erreichte Niveau ist als ,Meilenstein' auf dem Weg des Erwachens aus dem Koma zu verstehen."

Zieger betont, daß der hier beschriebene Dialogaufbau "im Unterschied zum behavioristischen starren Reizreaktionszyklus" auf einer dynamisch gerichteten Entwicklung beruht, die in offene Möglichkeitsfelder führt. So sind auch die Schrittfolgen aus dem Koma heraus zwar vergleichbar, aber immer hochgradig individuell ausgeprägt. So ließen sich grundsätzlich alle Funktionsbereiche und Lebensäußerungen einbeziehen, also der ganze Körper, selbst wenn es nur die sogenannten ganz primitiven vegetativen Funktionserscheinungen sind. Ein Mensch kann sich am besten wahrnehmen, wenn er Veränderungen erfährt, selbst aktiv wird oder im Raum bewegt wird. Die Erfahrung der eigenen Körperlichkeit ist daher nicht nur für die Säuglingsentwicklung, sondern auch für die frühe Förderung von Menschen im Koma entscheidend.

Kann im Falle eines Komapatienten schon kein verbaler Dialog stattfinden, so ist dies doch über die Sinne möglich und notwendig. Eine wichtige Rolle spielt daher beispielsweise die Haut als größte Sinnesoberfläche und gleichzeitige Körperbegrenzung. Über den Lage- und Berührungssinn erfahren die Patienten Unterstützung, Halt und Sicherheit. Aber auch Streicheln und Wärme vermitteln positive Emotionen und fördern "lockend die Wiederausdehnung des Organismus". Eine andere wichtige Rolle spielt die Nahrungsaufnahme, mit der das Schmecken verbunden ist, wie umgekehrt das Schmecken die Nahrungsaufnahme und alle entwicklungslogisch daran gekoppelten Funktionssysteme wie Lautbildung, Artikulation und Sprechen fördert. Hunger und Durst sind grundlegende Bedürfnisse, die auch bei Komapatienten elementar in Erscheinung treten. Selbst der Geschmack unterliegt auch im Koma unterschiedlichen Vorlieben, wie Zieger feststellen konnte, dessen Patienten teilweise nur mit bestimmten Gerichten zum Bewegen der Lippen und zum Schlucken angeregt werden konnten.

Die Bedeutung des Gehörs konnte bei Komapatienten, die sich im "apallischen Syndrom", dem Wachkoma also, befanden, direkt durch sogenannte "elektrisch evozierte Wortpotentiale" abgeleitet werden, z.B. wenn der eigene Name gerufen wurde. Das Ohr hebt also aktiv lauschend die persönlich relevanten Ereignisse aus der Umgebung hervor. Deshalb warnt Zieger auch vor abwertenden Bemerkungen und pessimistischen Prognosen am Bett eines Komapatienten, die zum angstvollen Rückzug führen und jeglichen Lebenswillen brechen können. Zieger und sein Team sprechen daher bei jeder Gelegenheit und Tätigkeit ihre Patienten an, beziehen so früh wie möglich Angehörige mit ein und verwenden akustische Anregungen mehrmals am Tag für eine Dauer von fünf bis zehn Minuten, währenddessen über einen Kopfhörer die Lieblingsmusik des Patienten oder eine vertraute Stimme zu ihm "sprechen".

Das Auge "erwacht" zuletzt. Dann sind vertraute Gesichter notwendig, die auch den Blick des Patienten fixieren helfen, der für ihn wiederum Stabilität und Raumbezug herstellt. Das Betrachten der eigenen Hände und des eigenen Gesichts im Spiegel schließlich können eine positive Wirkung auf den "Körperselbstbildaufbau" und das Selbstbewußtsein haben.

Das Wachkoma

Um sich in den Zustand eines Apallikers in etwa hineinzuversetzen, also eines im Wachkoma befindlichen Menschen, der sich entweder aus tieferen Komaschichten herausgearbeitet hat oder von Anfang an in diesem Zustand verweilte, muß man sich vorstellen, wie es ist, wenn man morgens die Augen öffnet und sich nicht mehr bewegen kann, wie durch einen dichten Nebel hindurch Bruchstücke der Umwelt aufnimmt, sie aber nicht verarbeiten oder verstehen kann. Man weiß nicht, warum man dort liegt, wo man liegt, worauf man liegt und was Liegen eigentlich ist. Man kommt an die im Großhirn gespeicherten Erfahrungen einfach nicht mehr heran. Man weiß nicht mehr, was Haut ist, wie diese sich anfühlt, was für Gegenstände um einen herum im Zimmer stehen und wofür sie da sind. Vogelgezwitscher vor dem Fenster nimmt man genauso wahr wie den Lärm eines Preßlufthammers - aber man kann damit nichts anfangen. Man erkennt lauter Bruchstücke, Puzzleteile gewissermaßen, kann diese aber nicht zu einem Ganzen zusammenfügen. Was anders als entsetzliche Angst breitet sich unter solchen Umständen in einem aus?

So erklären sich einige Ärzte die teilweise extreme Verdrehung der Gliedmaßen von Menschen im Wachkoma mit der entsetzlichen Angst, die diese Patienten offensichtlich habe. Beispielsweise ist der Arm nach innen gebogen, die Hand gekrümmt und zur Faust gehalten. Denn je extremer man ein Gelenk biegt, desto mehr spürt man es, desto mehr kann man von sich in einer furchterregenden Situation selbst wahrnehmen.1

Ein Erwachsener hat in der Regel so viele Erfahrungen gespeichert, daß er, sobald er einen Gegenstand sieht, auch weiß, wie dieser sich anfühlt, was es ist, wozu er nütze ist usw. Ein erwachsener Apalliker hat alle diese Informationen ebenfalls im Kopf - er kann sie nur nicht mehr abrufen, sie sind gewissermaßen unter einer Lawine begraben. Für ihn ist fortan alles so neu wie für ein Kleinkind, nur daß bei ihm schon vorher ein Leben und daher auch ein sozusagen "gefülltes Gehirn" vorhanden gewesen ist. Die Hoffnung und die Aufgabe der Ärzte besteht nun darin, dieses wieder freizulegen, obwohl bislang auf keine Weise vorhergesagt werden kann, wie lange dieser Zustand andauert. Trotzdem wird oft auch heute noch schon nach wenigen Tagen oder Wochen der Stab über den Patienten gebrochen, ein Pflegefall ohne Hoffnung und Überlebenschancen "diagnostiziert."

Zieger und sein Team haben seit 1988 auf ihrer Intensivstation über 120 Komapatienten betreut. Mehr als die Hälfte überlebten. Seit sie ihre Methode des "Dialogaufbaus" anwenden, konnten sie zu ihrer eigenen Überraschung feststellen, daß kein einziger Patient mehr im apallischen Syndrom "steckengeblieben" ist. So hat Zieger sicherlich Recht, wenn er behauptet, daß ein Steckenbleiben im apallischen Syndrom nicht einfach ein Defektzustand ist, sondern das Ergebnis vorenthaltener menschlicher Kommunikation und Förderung, also ein Produkt ungenügender sozialer Verhältnisse, Achtung und Kommunikation.

Es gibt in diesem Zusammenhang für Zieger übrigens auch keine "rehabilitationsunfähigen" Patienten, es sei denn, der Tod tritt zuvor ein. Eine so lautende Diagnose sei vielmehr eine "medizinisch verbrämte Verurteilung zum Ausschluß von der Teilnahme am sozialen Verkehr" und als "inhuman und unethisch" zu verurteilen.

Das Therapiezentrum Burgau

Der Leser sollte noch etwas mehr Vorstellungskraft und Mut aufbringen, um sich mit dem "Lebensextrem Koma" auseinanderzusetzen. Stellen Sie sich bitte vor, Ihre Tochter wird an einer Straßenkreuzung das Opfer eines schweren Autounfalls. Sie ist klinisch tot, kann aber wiederbelebt werden, allerdings wird sie nicht wach. Nach ca. 3 Wochen wird Ihre Tochter von der Intensivstation hausintern verlegt, und man baut Druck auf Sie auf, sich selbst um einen Rehabilitationsplatz zu kümmern. Sie wenden sich ohne Erfolg an alle Kliniken, die dafür in Frage kommen, und alle sagen Ihnen das Gleiche: "Im Koma, nicht wahrnehmungsfähig, nicht kommunikationsfähig - nehmen wir nicht auf." Schließlich finden Sie eine Klinik, die aber Ihre Tochter so mit Beruhigungsmitteln vollstopft, daß sie eines Tages leblos daliegt. Eine notfallmäßige Rückverlegung in die erste Klinik sorgt für vorläufige Hilfe. Aber alle von Ihnen konsultierten Ärzte sagen Ihnen, daß Ihre Tochter nach wochenlangem Koma keine Chance zur Rehabilitation mehr habe. Was würden Sie tun? Sie vielleicht auf Anraten der Ärzte sterben lassen?

Max Schuster aus Augsburg, später der Hauptinitiator eines Koma-Therapiezentrums im bayerischen Burgau, war in genau dieser Situation. Er versuchte Kliniken im Ausland zu finden, die seiner Tochter helfen könnten. Durch Zufall erfuhr er von einer Klinik in den USA, von der er sehr beeindruckt und mit einer Fülle von Informationen zu unterschiedlichen Behandlungsweisen und ihren Erfolgsaussichten zurückkehrte. Im Gegensatz zu deutschen Kliniken wurde dort so gut wie ohne Medikamente behandelt und keine Symptom-, sondern eine Ursachenbehandlung betrieben. Nachdem die Amerikaner ihm versichert hatten, es müsse auch ähnliche Einrichtungen in Europa geben, gelangte er an eine Schweizer Klinik, die seine Tochter schließlich aufnahm. Eineinhalb Jahre begleiteten Max Schuster und seine Frau das Mädchen bei der Rehabilitation. Seine Tochter "erwachte" aus dem Koma und ist heute wieder voll geistig rege, leidet aber nach wie vor an körperlichen Behinderungen, die mindestens zu 80 Prozent unnötig gewesen wären, wenn sofort eine richtige Behandlung eingesetzt hätte.

Durch Beobachtung vieler anderer Patienten in deutschen und ausländischen Kliniken gelangte Max Schuster zu der Überzeugung, daß Deutschland im Bereich der Rehabilitation schwer Hirnverletzter ein regelrechtes Entwicklungsland ist. Tatsächlich wurden damals (1987) schwer Schädel-Hirn-Verletzte im Koma oder apallischen Syndrom von den meisten Rehabilitationskliniken überhaupt nicht aufgenommen. Und bei den wenigen Ausnahmefällen wurde außer einer einmaligen Behandlung durch passive Krankengymnastik kaum etwas mit den Patienten angestellt. Außerdem wurden sie oftmals mit starken sedierenden Medikamenten behandelt. Max Schuster beschrieb demgegenüber in einem Interview mit der Zeitschrift Not (2/1993) die Behandlungsmethoden in den USA oder der Schweiz:

"Alle Therapeuten und Ärzte greifen zu; nach zwei bis drei Tagen eine große Konferenz mit der Entscheidung, in aller Regel die Medikamente abzusetzen. Dann beginnt ein Programm, das fast rund um die Uhr geht. Morgens kommt der Patient in einen Whirlpool, danach beginnt die Therapie. Das Bett ist Schlafplatz, nicht mehr. Am Anfang wird der Patient nur wenige Minuten behandelt, das wird natürlich gesteigert. Dazwischen wird er fachgerecht gelagert. In der Krankengymnastik und Therapie ist er unter Ansprache, wird er einbezogen, erfolgt viel Berührung und Stimulation. Stimulation aller Sinne, dazwischen Ruhephasen. Dazu läuft das Blasen-Darm-Training. Das heißt, der Patient wird zu genau festgelegten Zeiten aus dem Bett, dem Rollstuhl zur Toilette transportiert. So kann man die Inkontinenz oft in wenigen Wochen beseitigen. Daneben gibt es Programme zur Lagerung. Tag und Nacht werden die Patienten alle 90 Minuten fachgerecht umgelagert. Zum frühesten Zeitpunkt soll die orale Ernährung sichergestellt werden. Das geht über Mundtherapien. Die Spastik muß an der Ursache angegangen werden, das heißt die Patienten werden mehrmals täglich auch im Koma auf die Beine gestellt, sie werden viel vertikal gelagert. Sonden, die vielfältige Pein verursachen, werden zum bestmöglichen Zeitpunkt entfernt... Ein Riesenprogramm mit ganzheitlichen therapeutischen Ansätzen, die bis dahin in Deutschland kaum jemand kannte und niemand bereit war durchzuführen."

Max Schuster beschloß angesichts der Dimension des Notstandes, etwas zu unternehmen. Zusammen mit Freunden und Betroffenen sammelte er in kürzester Zeit 2,5 Millionen Mark Spenden und konnte kurzfristig ohne jegliche staatliche Hilfe eine Klinik in Burgau eröffnen, die damals 20 Betten zur Frührehabilitation bot. Die Klinik war kaum eröffnet, da hatte sie bereits nahezu tausend Anmeldungen aus dem ganzen Bundesgebiet. In wenigen Wochen konnten weitere 4,5 Millionen Mark gesammelt werden, womit sich die Bettenzahl auf 40 verdoppeln ließ. Mit staatlicher Hilfe erfolgte der Ausbau um weitere 20 Betten, später mit Hilfe der bayerischen Landesregierung auf 100. Alle bewährten Therapiekomponenten aus den USA und der Schweiz wurden zu einem ganzheitlichen Konzept zusammengefaßt und umgesetzt; und in der Zwischenzeit gibt es einige Rehakliniken, die gleiche oder ähnliche Wege beschreiten wie Burgau.

Max Schuster unterstreicht genauso wie Dr. Zieger die eindrucksvolle Erfahrung nach fast fünfeinhalb Jahren, daß viele Patienten auch nach mehrwöchigem Koma bei richtiger Behandlung durchaus Rehabilitationschancen haben und ein Herauskommen aus dem Koma oder apallischen Syndrom sehr wohl aktiv, durch intensive Zuwendung und richtige Behandlung beeinflußt werden kann.

Um einen Eindruck von dem Tagesablauf der Klinik in Burgau zu gewinnen, schließen wir uns am besten dem schon in der Fußnote erwähnten Journalisten an, der 1993 die Möglichkeit hatte, das Therapiezentrum zu besuchen. Er schrieb in einem Bericht des Magazins der Süddeutschen Zeitung:

"Die Tage verlaufen in Zeitlupe. Vorsichtig treten Therapeuten an Betten, begrüßen Patienten und erklären, was sie tun werden. ,Man muß sich in das Dornröschenschloß mit hineinbegeben', wird erklärt, ,auch auf der gleichen Zeitebene. Alle müssen sich auf dieses langsame Tempo einlassen.' Es kann eine Viertelstunde dauern, bis ein Patient aus einem Bett in seinen Rollstuhl gehoben worden ist: Man baut Kästen in seinem Bett auf, um ihm viel Kontakt mit der Umgebung zu ermöglichen und den Weg durch die Luft, der panisch machen kann, so kurz wie möglich zu halten. Aber man nimmt ihn trotz der verzweifelten Ringkämpfe, die das mit sich bringen kann, immer aus dem Bett. ,Wenn ein Patient liegt,... dann sind da keine Reize, dann kann er auch keine Antwort bringen...' Von Anfang an werden Schlafende in Burgau auf die Füße gestellt, und wenn man fünf Helfer dazu benötigt. Von Anfang an macht man mit ihnen behutsam Krankengymnastik, und Therapeuten öffnen ihre Münder, berühren Zahnfleisch, Zunge, das Innere der Wangen (um die Nahrungsaufnahme vorzubereiten, J.D.) Um Schrecken zu vermeiden, werden zuerst die Hände des Patienten an sein eigenes Gesicht geführt, erst dann berührt der Therapeut vorsichtig die Haut mit den Fingern. Immer steht, was getan wird, in einer Beziehung zum Alltag und hat ein konkretes Ziel. Auch wenn einer zum ersten Mal im Rollstuhl sitzt und an eine geschlossene Tür kommt, wird seine Hand zur Klinke geführt. Auch wenn jemand erst zwei Wochen im Krankenhaus ist, wird die Lotion zum Einkremen des Gesichts auf seine eigene Hand getan und die Haut damit eingerieben. Auch wenn einer sich allein nicht rühren kann, stülpt man ihm einen Waschhandschuh über und reinigt so den Körper. Fasziniert sagt eine Therapeutin, man spüre dann oft, wie der Verkrampfte sich lockere...

Der Therapeut steht oder sitzt hinter dem Patienten und führt dessen Bewegungen, seine eigenen Arme an den Armen des Kranken, seine Hände an dessen Händen. Er läßt ihn die Oberfläche des Tisches spüren, verschafft ihm so Informationen über die Umwelt und merkt manchmal, daß der Patient plötzlich, für einen Moment die Bewegung selbst übernimmt, wie ein stotternd anspringender Motor - vielleicht, weil er Kontakt gefunden hat zu seinen Erinnerungen."

Damit fängt das "Erwachen" an...


Anmerkungen

1. Ein Journalist, der die Klinik in Burgau besuchte, berichtete im Magazin der Süddeutschen Zeitung über einen Versuch, der mit ihm durchgeführt wurde, um ihm die Situation von Apallikern zu verdeutlichen. Man verbindet dem Reporter die Augen, nimmt ihn an der Hand und geht mit ihm. Man beginnt zu laufen, rennt durch die Gänge, wechselt ständig die Richtungen und fährt Fahrstuhl. Plötzlich wird er gefragt: "Was macht denn ihr rechter Arm?" Er ist nach innen gebogen, die Hand gekrümmt, zur Faust geballt.