Folgender Text wurde Anfang Februar 2003 allen Bundestagsabgeordneten zugeleitet.
Wiesbaden, den 7. Februar 2003
Es gibt Situationen, da möchte man jemanden haben, der einen aufweckt und sagt: "Du hast nur geträumt". Eine solche Situation sind für uns die Ausführungen des Nationalen Ethikrates zur Präimplantationsdiagnostik (PID).
Leider ist dies kein Traum. Im Jahre 2003 in Deutschland "ordentliche" Anhörungen und Empfehlungen zum Thema Eugenik, Aufspüren, Selektion, Umbringen behinderter Menschen im frühesten Stadium ihrer Existenz? Empfehlungen, die nicht wenigstens ein eindeutiges "Nein" zur Folge haben?
Bei einer Anhörung des Nationalen Ethikrates mit Vertretern von Behindertenorganisationen wies u. a. die Ärztin Nicklas-Faust von der Bundesvereinigung Lebenshilfe darauf hin, daß bereits die Pränataldiagnostik den Umgang mit Behinderung verändert habe. Ebenso wie wir warnen inzwischen viele Vertreter von Behindertenorganisationen, daß sich auch die Pränataldiagnostik vornehmlich zu einem Auslese und Tötungsinstrument - wenn auch zu einem etwas späteren Zeitpunkt menschlichen Daseins - entwickelt hat. Die Abbruchzahlen werden beim Befund "Down-Syndrom" länderübergreifend mit 92 Prozent im Durchschnitt angegeben. Und auch Menschen mit einem Down-Syndrom können sehr wohl bewußt wahrnehmen, daß bei Ungeborenen besonders nach dieser Behinderung gesucht wird.
Dabei kann einem nur schlecht werden, obwohl man es eigentlich geahnt hat. Vielen dieser Menschen ist ein kindliches, aber auch ein sehr sensibles Gemüt geschenkt worden. Gerade sie, die unendlich viel Liebe brauchen und geben, wie sollten, wie könnten sie so eine Ungeheuerlichkeit nicht fühlen, sie jemals verarbeiten? Schon ein "nur" körperbehinderter Mensch braucht ein starkes Selbstbewußtsein und einen starken Lebenswillen, um mit den Unbillen seines Alltags und der vielerorts gezeigten Aversion umzugehen.
In welchem Jahr, in welchem Land befinden wir uns, daß wir so etwas überhaupt diskutieren?! Daß wir es uns nicht einmal mehr trauen, den betroffenen Paaren mit Kinderwunsch, die eine PID wünschen, schlicht zu empfehlen, ein Kind zu adoptieren? - Sind wir wirklich nicht mehr fähig, für die wenigen kranken - geborenen oder ungeborenen - Mitbürger Sorge zu tragen, um die es bei dieser gnadenlosen Jagd geht?! Warum sie umbringen, zerstückeln, beforschen? Zudem ist die Diagnostik noch nicht einmal fehlerfrei: jeder 20. Embryo würde "grundlos" vernichtet. "Würden solcher Fehlerraten in anderen zivilisatorischen Bereichen akzeptiert?!", wurde in einem Leitartikel der Tageszeitung Die Welt vom 24. Januar dieses Jahres gefragt.
Und warum sind wir offenbar unfähig zu erkennen, daß es hier um durchweg üble, eugenisch motivierte Praktiken und Ziele geht, wobei die betroffenen Eltern nur willkommener Vorwand sind, eine üble Ideologie gesellschaftlich zu "vermarkten"? - Und dies, obwohl es sich hierbei durchaus nicht um irgendein "Geheimwissen" handelt?
Bereits Robert G. Edwards, einer der Pioniere der künstlichen Befruchtung im Reagenzglas, verkündete immer offen und ungeniert, daß es vorrangig gar nicht darum ginge, Eltern zu Nachwuchs zu verhelfen, wenngleich die Betonung dieses "therapeutischen Aspektes" der Reproduktionsmedizin überhaupt erst zu öffentlicher Anerkennung verhalf. Nach Edwards eigenen Worten ging es dabei insbesondere um die Embryonenforschung und um das "Aussortieren" kranker Embryonen. Noch 1997 bekräftigte er, daß er dieses "Potential" künftig mit Hilfe von Gentechnik und PID "ausgeschöpft" sehen möchte. Er scheute sich gleichfalls nicht, von der "Pflicht" zur Verhinderung "nicht normgerechten Nachwuchses" zu sprechen. Und der prominente Princetoner Molekularbiologe Lee Silver beschrieb auf einem Kongreß in Los Angeles im Sommer 1998 die Rolle der künstlichen Befruchtung im Reagenzglas mit den Worten: "Mit der In-vitro-Fertilisation gelangt der Embryo aus dem Dunkel des Mutterleibes an das Tageslicht. Und damit bietet die IVF Zugang u dem darin befindlichen Erbmaterial. Erst durch die Fähigkeit, das Erbmaterial des Embryos zu lesen, zu ändern und zu ergänzen, wird das ganze Gewicht der IVF spürbar werden." (Hervorh. d. Autoren) - Es würde diesen Rahmen sprengen, hier auf die Geschichte und das Weltbild der Genetik und Eugenik einzugehen. Dies ist an anderer Stelle behandelt worden. (Siehe auch die Club of life homepage unter www.club-of-life.de)
Warum haben wir es überhaupt bis an diesen Punkt kommen lassen - einen Punkt, an dem die Nürnberger Nazi-Gerichtsbarkeit längst eingeschritten wäre? Und was unterscheidet uns in dieser Beziehung von den Nazis und ihren Kosten-Nutzen-Analysen und Eugeniktheorien? Daß wir keine braunen Uniformen anhaben? Daß die Nazis noch nicht an die Embryonen im Frühstadium "herankamen" und erst die späteren "Unmenschen" beforschen und in Vernichtungslager schicken konnten?
Jetzt hilft nur noch eines: ein schlichtes "Nein". Lassen Sie sich nicht blenden von der angeblichen Legitimität und Seriosität dieser Diskussionen, lassen Sie sich am besten überhaupt nicht auf all die Spitzfindigkeiten ein, die Ihnen glauben machen wollen, die Vernichtung eines Embryos außerhalb des Mutterleibes sei doch das "kleinere Übel" als eine "klassische Abtreibung". Und da diese unter bestimmten Bedingungen erlaubt sei, dürfe doch hier erst recht..." Es gibt kein Naturgesetz, nach dem sich Widersprüche nur nach einer Seite auflösen lassen!
Wir haben eine Verfassung, wir haben ein Grundgesetz. Dort ist alles geregelt, was es diesbezüglich zu regeln gibt. Oder soll man allen Ernstes im Deutschen Bundestag "ruhig und gelassen" über Menschenvernichtung diskutieren? Was wäre das für ein Signal an die Bevölkerung, an die alten und kranken Menschen? Und welches an die Welt?
PID ist vor allem Eugenik, Selektion und Mord , aber auch Mittel zur "Rohstoffgewinnung Mensch", die der Aushebelung des Embryonenschutzgesetzes, der embryonalen Stammzellgewinnung, für Klon- und Keimbahnversuche dienen soll.
PID ist aber vor allem Mord an den Ungeborenen und an den empfindenden Herzen der Lebenden. PID ist Mord an ungezählten Kindern. Mord an Eltern, die zu ihrem Kind stehen. Mord an Eltern, die nicht zu ihrem Kind stehen. Mord am Gewissen. Nochmaliger Mord aller auf deutschem Boden gemordeten "unnützen Esser". Mord an der Gesellschaft. Mord an allen, die dafür arbeiteten, die hofften, daß das "Nie wieder" ein "Nie wieder" bliebe.
Und: PID ist Mord an der Zukunft, die immer und für alle Zeiten erst durch ein Kinderlächeln lebenswert wird.
Spätestens jetzt wird Widerstand zur Pflicht.
Der Bundesvorstand des Club of Life e.V.
Dr. med. Wolfgang Lillge für den medizinischen Beirat